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Günter Grass gelang es mit seiner Gedichtveröffentlichung kurz vor Ostern, eine bereits fast anderthalb Wochen anhaltende deutschlandweite Diskussion um den Benzinpreis im Alleingang zu beenden

Im hohen Dichteralter hat Deutschlands führender Verfasser von selbstillustrierten Büchern sich mit einem 69-zeiligen “Gedicht” (dpa) gegen den Konsens der Kommentatoren gestellt. Perfide dabei: Günter Grass hat mit seinen kruden Thesen offenbar durchschlagenden Erfolg nicht nur bei professionellen Aufregern, sondern auch bei Menschen, die Lyrik im Normalfall nur mit spitzen Fingern anfassen.

Günter Grass hat es wieder geschafft, aufzufallen indem er Gedichte äußert, die zuvor nicht mit dem Kanzleramt abgestimmt wurden. Galt Dichtung bis zum Tage vor dem Erscheinen von “”Was gesagt werden muss”" als spleniges Lesevergnügen von jungen Mädchen mit Liebeskummer und als der kommerzielle Alptraum von Verlagen schlechthin, ist es dem kaschubischen Pfeifenraucher über Nacht gelungen, Dichtung wieder “trendy” (Stern) zu machen. Verse und Reime, die Grundfragen der normativen Regelpoetik, Sein und Seinsgrund von Dichtung aus ontologischen, erkenntnistheoretischen und logischen Ansätzen – das sind Fragen, die nun jeden brennend interessieren. “Haufenweise” habe er “zustimmende Mails” bekommen, ließ Grass in Fernsehauftritten wissen, zu denen die öffentlichen Rechtfertigungssender ARD und ZDF in einer Neuauflage der vielgesehenen Sendung mit dem damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff geladen hatten. Er schreibe seit jüngster Zeit “über Dinge, über die zu wenig gesprochen wird”. Dazu gehöre eben auch die gute alte klassische Dichtkunst, die in Schulen und Familien zunehmend von neumodischem multimedialen Schnickschnack verdrängt werde.

Während der “Spiegel” die “störrische Selbstgerechtigkeit eines wichtigen Schriftstellers” wittert, der gerade “vom Schrulligen ins Tragische kippt”, sieht der “honorige Nobelpreisträger” mit der “erodierenden Autorität” (alle Zitate “Spiegel) den eigenen Erfolg durchaus kritisch. Der Urheber der unerwarteten Renaissance der rhetorisch bestimmten “Ars versificatoria” scheint erstaunt, verblüfft und vom eigenen erdrutschartigen Erfolg nicht nur positiv überrascht. „Es ist mir aufgefallen, dass in einem demokratischen Land, in dem Pressefreiheit herrscht, eine gewisse Gleichschaltung der Meinung im Vordergrund steht”, merkt er zum plötzlichen Hype um die neue gesellschaftliche Rolle der klassischen Dichtung an. Der durchgehende Tenor sei, “sich bloß nicht auf den Inhalt des Gedichtes einzulassen”, sondern Formfragen zu diskutieren: Hätte es sich sein “Hassgedicht” besser reimen sollen? Wie gehen die weltpolitische, die geschichtliche und die persönliche Ebene zusammen? welche Rolle spielt Grass´Ex-Chef Heinrich Himmler? Warum taucht das Wort “Autobahn” im Text überhaupt nicht auf? Grass-Kritiker widersprachen entschieden.

Grass solle wenigstens zugeben, dass sein “irres Gedicht” (Bild) nirgendwo als “krude” bezeichnet werde.

Viele nehmen den Schriftsteller in Schutz, SPD-Chef Sigmar Gabriel (welt.de): Die Kritik an Grass sei “überzogen und in Teilen hysterisch”. Gabriel verteidigte zugleich seine eigene Kritik an der Politik Israels.

Grass “genießt die Aussicht”, der Schriftsteller war am Montag in die Hamburger Asklepios-Klinik St. Georg aufgenommen worden. Das Herz. (spiegel)

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