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Schalom, Herr Dziuballa

Uwe Dziuballa sammelt in Chemnitz seit Jahren Erfahrungen mit jüdischem Alltagsleben und ist durch die Arbeit in der Breite im Verein so etwas wie eine Symbolfigur geworden

“ich sehe meine Aufgabe als eine Art Fels in der Brandung. Aufzuhören wäre ein komplett falsches Signal an Teile der Gesellschaft, die Hilfe brauchen. Es ist eine Trotz-Reaktion auf das Nicht-Akzeptieren wollen.”

Der 1965 im damaligen Karl-Marx-Stadt geborene Jude verschlug es nach der Wende in die USA, wo er die Vielfalt des jüdischen Lebens kennenlernt. Vor allem beeindruckte ihn, dass dieses jüdische Leben dort ganz normal im öffentlichen Alltag präsent ist. Und noch etwas war ihm neu:

“Du kannst einem Juden, der sich schlecht benimmt, ganz normal die Meinung sagen, ohne dass Du gleich in den Verdacht des Antisemitismus kommst”

Nicht zuletzt durch den frühen Tod ihres Vaters finden Uwe Dziuballa und sein fünf Jahre jüngerer Bruder Lars Ariel in dieser Zeit auch einen Zugang zur religiösen, spirituellen Seite des jüdischen Glaubens. Heute trägt Dziuballa auch im Alltag die Kippa.

Als er Mitte der 90’er Jahre nach Chemnitz zurückkommt, gründet er wenig später gemeinsam mit seinem Bruder den Schalom e.V. Der Verein möchte durch Angebote zu Kunst und Kultur, Bildung und Sozialarbeit eine Plattform für Deutsch-Israelisch-Jüdische Begegnungen und Gespräche sein. Doch damit nicht ­genug: Am 15. März 2000 eröffnen die Brüder in Chemnitz die Gaststätte Schalom – ein zertifiziertes koscheres Restaurant. Wobei Koscher oder Kaschrut, also den jüdischen Speisegeboten entsprechend, weit mehr als nur den Verzicht auf Schweinefleisch bedeutet.

“Zum Beispiel wie bei unserem Bier, was ich so ein wenig als Botschafter sehen will. Wenn man feststellt, dass das Bier am Ende genauso schmeckt wie anderes deutsches Bier und dass man nach vier, fünf, je nach Konstitution acht Bier einen gewissen Rausch bekommt, ist man ähnlich – ich sag jetzt mal – berauscht wie von anderem Bier. Und wenn solche Parallelen hergestellt werden, dann ist vielleicht der Jude gar nicht so fremd in der Gesellschaft wie man das oft annimmt. Und das würde ich mir einfach wünschen, dass hier das bewusste Ernähren, die Besonderheit, aber auch diese Facette – vieles ist gar nicht so viel anders wie bei uns – dass das mitgenommen wird. Also ein Stück weit mehr Gelassenheit.”

Mit Vandalismus hat praktisch jeder Gastwirt zu kämpfen, Sachbeschädigungen, die sich in zehn Jahren auf rund 40000 Euro belaufen sind allerdings nicht normal, auch nicht in Chemnitz:

“Wenn gezielt immer wieder der Davidstern im Gaststättenschild zerstört wird, wenn Hakenkreuze gemalt werden, aus den Briefkästen von Gaststätte und Verein »die Pisse läuft«, wenn am Transporter wieder alle vier Reifen zerstochen sind und vor der Gaststättentür Schweineköpfe mit Davidstern abgelegt werden, das Ganze begleitet von anti­semitischen Schmähflugblättern und Drohanrufen, dann ist das etwas anderes als »normaler« Vandalismus”

Und wenn dann bis heute kein einziger dieser Fälle aufgeklärt ist, stattdessen bei den Polizeibehörden in Chemnitz Akten unauffindbar sind und sichergestellte Beweismittel »irrtümlich« vernichtet statt kriminaltechnisch untersucht werden, dann stellt sich Dziuballa die berechtigte Frage:

“Über wen soll ich mich mehr ärgern? Über die handvoll Unbelehrbaren oder über diese Behörden? 2011 stand ich mit einem MDR-Kamerateam vor dem Restaurant. Während ich gefilmt wurde, liefen zwei junge Männer, etwa Mitte zwanzig, an dem Restaurant vorbei. Sie zeigten den Hitlergruß und riefen „Saujude“. Das Kamerateam erstatte daraufhin Anzeige. Einige Zeit später bekam ich einen Anruf von der Staatsanwaltschaft. Ich wurde gebeten, die Anzeige zurück zu ziehen. Die jungen Männer seien ohnehin schon sozial benachteiligt und diese Anzeige würde sie nur noch weiter an den Rand der Gesellschaft drücken. Ich erklärte den Beamten, dass ich die Anzeige nicht erstattet habe und dass sie dies mit dem Kamerateam vom MDR zu verhandeln hätten. Nach einem Gespräch mit dem Redakteur, indem ich ihm erklärte, dass mir die Anzeige nicht wichtig sei und er wegen dieser Geschichte nicht Unannehmlichkeiten mit der Staatsanwaltschaft bekommen solle, wurde das Verfahren letztendlich dann auch eingestellt.”

Rückzug kommt für ihn nicht infrage.

“Wir wollen unser jüdisches Leben nicht nur in Gemeinden oder Museen leben. Wir wollen als normale Menschen im normalen Alltag wahrgenommen werden”

Einmal, vor zwei, drei Jahren, häuften sich die Vorfälle derartig, dass er nahe am Aufgeben war. Damals organisierten Christen und andere Bürger Mahnwachen vor dem Gebäude in der Carolastraße. »Ich bin durchaus ein harter Knochen, aber da kamen mir die Tränen«, bekennt Uwe Dziuballa. »Das tat einfach gut.«

Jetzt zieht das Schalom Restaurant um, weg von der Carolastraße. Der Umzug hat aber, entgegen einem Artikel der Chemnitzer BILD Zeitung vom 05.März 2012 nichts mit den Vorfällen der letzten Jahre zu tun:

“Das hat konzeptionelle Gründe. Das neue Restaurant befindet sich nur fünf Gehminuten vom alten Standort entfernt – liegt aber dafür in einer belebten Straße, die viel von Studenten und Studentinnen besucht wird. Das neue Lokal wird etwas kleiner und gemütlicher. Neu ist auch, dass wir mittags für Unternehmer und junge Leute preiswerte Menüs anbieten. Und es gibt ein polnisches-New Yorker-Bagelrezept von meinem Bruder, dass man nicht verpassen sollte!”

In der Heinrich-Zille-Straße 15 auf dem Brühl soll das neue Shalom mit 34 Plätzen in Kürze entstehen. Wir wünschen viel Erfolg!

schalom-chemnitz.de

Quellen: Deutschlandradio / Netz gegen Nazis / Mitteldeutsche Kirchenzeitungen

Discussion

One Response to “Schalom, Herr Dziuballa”

  1. Vor ein paar Jahren haben meine Tochter, ein Freund und ich im Schalom hervorragend gegessen und uns sehr angeregt mit dem jüngeren Herrn Dziuballa unterhalten. Leider vermischten wir versehentlich die Fleischbestecke mit den Milchbestecken, aber er nahm uns das nicht übel. – Wenn es zum “Lunch” vielleicht eines Tages Sandwiches gibt wie in U.S. “Delis”, mit Corned Beef und Claussen´s Chilled Pickles würde ich allein deswegen wieder mal nach Chemnitz kommen! – Vielen Dank für die Gastfreundlichkeit & weiterhin alles Gute!

    Posted by Ursula Cook | 18. April 2012, 21:02

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